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"Der meint das ja ernst!"

"Der meint das ja ernst!"

30.11.2006

Der große Schauspieler und Latifundienbesitzer Joseph Bierbichler spricht in einem famosen Interview mit der Zeit über Eichingers "Der Untergang", seinen Wunsch sich selbst aufzuessen und seine abnehmende Geselligkeit.

"ZEIT: Was ist denn das Skandalöse am Untergang?

Bierbichler: Überhaupt der Versuch, diese Figuren eins zu eins wiederzugeben, realistisch, ist doch peinlich. Die Reaktion des Regisseurs Dani Levy, der den Hitler von Helge Schneider spielen lässt, ist konsequent. Mir war schon Schindlers Liste peinlich. Dieses Peinlichkeitsgefühl hab ich bei allen Filmen, die diese Zeit »realistisch« zu behandeln vorgeben. Mir fällt kein Film ein, der es geschafft hätte, ohne es zu übersetzen auf eine andere Ebene.

ZEIT: In einer Geschichte von Brecht, Die Bestie, wird erzählt, wie die Russen einen Film über die grausame Herrschaft eines Gouverneurs namens Muratow drehen wollen. Der verarmte, in die Anonymität gesunkene Muratow schafft es, unerkannt zum Regisseur vorgelassen zu werden und für die Rolle des Muratow vorzusprechen. Er wird aber hinausgeworfen, weil seine Darstellung unglaubhaft sei; an seiner Stelle spielt dann der erste Schauspieler des Landes den Muratow…

Bierbichler: Das ist schon wieder gut. Auf den Untergang übersetzt, heißt das: Der Bruno Ganz war noch besser als der Hitler. Aber im Ernst: Ich saß da im Kino und habe eine Dreiviertelstunde lang gedacht, der Bruno Ganz habe hinter dem Rücken von Fest und Eichinger eine richtig gute Parodie auf Hitler gemacht. Dann habe ich plötzlich gemerkt: Der meint das ernst! Der Dramatiker Klaus Pohl hat den Film in Wien gesehen. Er fand ihn lächerlich und musste lachen, und von hinten riefen Zuschauer, er solle still sein. Pohl drehte sich um und schnarrte im Hitler-Ton: Rrruhe, wenn der Führer spricht! Wieder Stimmen von hinten: Hören Sie auf, man versteht nichts mehr. Darauf Pohl: Der Führer spricht deutlich genug! Da haben sie ihn aus dem Kino geschmissen."

Lesen Sie das ganze famose Gespräch in der Online-Ausgabe der Zeit

              

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Henry Louis Mencken