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Die Bedeutung von Literacy im Lebenslauf ("Literacy changes lives")

Die Bedeutung von Literacy im Lebenslauf ("Literacy changes lives")

26.04.2010, (MD)

Vortrag von Marion Döbert im Rahmen der Abschlussveranstaltung zum Literacy Monat 2010 in Bayern, 23. April 2010, Congress Centrum Würzburg.
Fotos: Johannes Hardenacke (Pressesprecher Regierung Unterfranken)

Sehr geehrte Damen und Herren,

um es gleich vorweg zu sagen:

In den meisten Vorträgen erfahren Sie Dinge, die Sie selber längst wissen bzw. die eigentlich schon seit langem bekannt sind.
Doch zwischen Wissen und Handeln herrscht - gerade auch in Deutschland -  so etwas wie ein Trägheitsgesetz.
Und weil dies so ist, möchte ich mit meinem Vortrag Impulse geben zur Überwindung der Trägheit.Viele Studien liefern uns inzwischen Wissen über Kinder, darüber wie sie leben und über das, was sie bräuchten.

Eine der beeindruckendsten Studien ist m.E. aber die World Vision Kinderstudie „Kinder in Deutschland 2007". Das Besondere an dieser Studie ist, dass Kinder selber als Experten ihrer Kindheitssituation befragt worden sind. Das positive Ergebnis der Studie: Die meisten Kinder sind glücklich und zufrieden. Das negative Ergebnis: Dies gilt nicht für Kinder aus der Unterschicht.

Eine andere Studie aus Großbritannien, „Literacy changes Lives", bestätigt mit Blick auf die gesamte Lebensbiografie,  dass die Gesellschaftsschicht, in die ein Kind hineingeboren wird, den Rest seines Lebens vorzeichnet, dass Kinder aus eher armen und bildungsfernen Familien genau diese Lebensumstände auch als Erwachsene selber wieder zu erwarten haben. Hauptindikator in dieser Studie waren die Fähigkeiten bzw. unzureichenden Fähigkeiten zu lesen und zu schreiben und zu rechnen.

Das, was in diesen beiden Studien wissenschaftlich und statistisch abgebildet wird, beschreibt in einer etwas anderen, aber umso eindrücklicheren Sprache Germain, die männliche, etwas grobschlächtige Hauptfigur in dem Buch „Das Labyrinth der Wörter" von Marie-Sabine Roger.

Wer dieses Buch gelesen hat, der weiß alles über das Scheitern, aber auch das Gelingen von Bildungsprozessen, über die wichtige Bedeutung von Frühförderung und von zweiten Chancen später für Jugendliche und Erwachsene, über die Lebenswelt von funktionalen Analphabeten und über die Bedeutung von Empathie und Respekt im pädagogischen Handeln.  Und er weiß auch alles über die Faszination des Lesens und der Bücher.

Zum Abschluss Ihres Literacy-Monats plädiere ich dafür, dieses Buch zur Grundlagenlektüre in allen pädagogischen Berufsbildungs- und Studiengängen zu machen, und ich freue mich, dieses Buch im Rahmen meines Vortrages immer wieder hier einblenden zu können bei meinem Rückgriff auf die beiden vorhin benannten Studien.

Die erste World Vision Kinderstudie wurde von dem internationalen Kinderhilfswerk World Vision in Auftrag gegeben, um die Lebenswelten von Kindern aus der Sicht der Kinder selber heraus zu erheben. Dazu wurden im Wissenschaftler-Team unter Prof. Dr. Klaus Hurrelmann und Prof.in Dr. Sabine Andresen von der Universität Bielefeld zusammen mit TNS Infratest Sozialforschung deutschlandweit fast 1600 Kinder zwischen acht und elf Jahren befragt.

Die Wahrnehmungen und Einschätzungen der Kinder wurden erhoben in  Bezug auf ihre Familie, den Kindergarten, Schule und Freizeiteinrichtungen, den Freundeskreis, aber auch bezogen auf ihre Bewertung gesellschaftlicher Entwicklungen und ihr Interesse an Politik.

Ein schönes Ergebnis:

Die große Mehrheit der befragten Kinder fühlt sich in ihren Lebensverhältnissen wohl, ganz besonders auch in ihrer Familie und mit ihren Freunden.

Die World Vision Studie weist aber auch eindeutig nach, dass Kinder aus der unteren sozialen Schicht eingeschränkte Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen haben und dies auch genau so erleben.  Der Zusammenhang mit Armutsrisiken und fehlenden häuslichen Ressourcen ist dabei offensichtlich. Schlechtere Startbedingungen beziehen sich dabei nicht nur auf die Schule, sondern auf alle Lebensbereiche. Die Potenziale dieser Kinder können sich bei weitem nicht so gut entfalten wie die der Kinder aus mittleren und höheren Schichten.

Gründe sind:

  • Fehlende finanzielle Ressourcen im Elternhaus bis hin zur Armut
  • Überforderung und Streit in der Familie durch eben diese finanziellen Probleme
  • fehlendes (kreatives) Anregungsmilieu in der Familie
  • fehlende individuelle Förderung in Kindergarten und Schule
  • Nichterreichbarkeit oder fehlende Zugänglichkeit  von Vereinen und Freizeiteinrichtungen
  • Verlagerung der Freizeitaktivitäten auf Fernseh- und Medienkonsum,

damit verbunden geringere Einbindung in Gruppenaktivitäten und Isolierung sowie geringere Leseaktivität. Insbesondere Jungen sind hier besonders betroffen.

  • Kinder aus prekären Familien sagen aus, dass sie zu wenig Zuwendung bekommen und zwar nicht wegen der Berufstätigkeit von Eltern, sondern - im Gegenteil-  aufgrund der Sorgen und Belastungen die mit Arbeitslosigkeit oder unzureichender Integration in den Arbeitsmarkt verbunden sind.
  • 13% der befragten Kinder leiden an einem Zuwendungsdefizit.
  • Kinder aus unteren Schichten fühlen sich weniger wert geschätzt, und sie schätzen ihre Selbstwirksamkeit geringer ein.
  • Kinder aus unteren Schichten haben ein geringeres Bildungsbestreben. Abitur als zukünftiger Schulabschluss erscheint ihnen schon in diesem Alter als abwegig. Teilhabe an Bildung spielt - wie im Elternhaus selbst -  keine Rolle.

Der erwachsene Blick von Germain:

"Man kann sagen, was man will, aber für ein Kind ist es kein Glück in die Schule zu gehen. Die Leute, die so was behaupten, können Kinder nicht leiden... Was Kinder wollen, ist Gründlinge angeln gehen und auf den Bahngleisen Schottersperren bauen, um Güterzüge entgleisen zu lassen.... Oder vom Ufer aus die Brückenpfeiler hochklettern...Vom höchsten Punkt der Friedhofsmauer springen, auf einem unbebauten Gelände Feuer machen, an Türen klopfen und schnell wegrennen. Den Kleineren Ziegenköttel statt Lakritzbonbons andrehen. Solche Sachen, wissen Sie?

Als Kind will man Held sein, sonst nichts.

Wenn die Eltern nicht ständig hinter einem her sind und einem eintrichtern, dass die Schule wichtig ist, dass man hingehen muss und damit basta, tja, dann geht man eben nicht hin - ich jedenfalls - oder zumindest so wenig wie möglich.

In der Hinsicht war meine Mutter nicht streng. Sie hätte mir den Besen auf dem Kopf kaputt geschlagen, wenn ich im Hausflur Matschspuren hinterlassen hätte, aber dass ich nicht Lesen oder Schreiben lernte, war ihr völlig egal, glaube ich."  (S.45)

 Bezogen auf Freizeitaktivitäten wurden in der World Vision Studie unterschieden:

  • Vielseitige Kids
  • Normale Freizeitler
  • Medienkonsumenten.

In die Gruppe der Medienkonsumenten gehören vor allem die Jungen aus der Unterschicht und Kinder mit schlechter schulischer Leistungseinschätzung und einem negativen Verhältnis zur Schule. Zur Gruppe der vielseitigen Kids gehören dagegen überwiegend Mädchen aus gehobenen Schichten.

Anregungsreiche Lebenswelten in Familie und Freizeit haben positive Auswirkungen auch auf schulische Leistungen, auf soziale Kontakte und auf ein starkes Selbstwertgefühl. Ein positiver Zusammenhang, in dessen Genuss bislang aber nur  Kinder aus höheren Schichten kommen.

Sie nutzen ihre Freizeit kreativer und vielfältiger. Sie gehen wesentlich häufiger in Musikschulen oder Sportvereine. Sie nutzen auch den Fernseher, aber nur als eine Aktivität unter vielen. Sie sind selbstbewusster, halten sich für gute Schüler und wollen später das Abitur machen. Durch gute Förderung von Anfang an erhalten die Kinder ein gutes Rüstzeug für den Umgang mit dem Leben.

Dagegen der erwachsene Blick von Germain: 

"Es macht einen auf die Dauer echt fertig, das Leben "ohne Decoder zu betrachten"... Wenn intelligent sein eine Sache des Willens wäre, dann wäre ich ein Genie, das kann ich wohl sagen. Denn angestrengt habe ich mich! Aber es ist, als wollte ich mit einem Suppenlöffel einen Graben ausheben. Alle anderen haben Schaufelbagger, nur ich stehe da wie ein Trottel." (S.33)

Auch die britische Studie Literacy changes Lives zeigt, dass sich Benachteiligungen durch die Zugehörigkeit zu bildungsfernen Schichten wie ein roter Faden durch das ganze Leben ziehen und dass dies die Kinder selber sehr früh spüren und schnell in ihre Selbsteinschätzung und ihr Handeln integrieren.

Dramatisch sind aber auch die Risiken und Folgen für das gesamte Gesellschaftssystem.

Die  Studie des National Literacy Trust wurde im September 2008 publiziert.

Sie wertet die Daten von Langzeitstudien (Kohorten)  aus: die National Child Development Study (NCDS), die seit 1958 läuft und die British Cohort Study, die seit 1970 läuft (BCS70). Auch Erkenntnisse anderer Untersuchungen (z.B. aus Schottland) wurden ebenfalls berücksichtigt.  Die Studie befasst sich mit den Auswirkungen von Literalität (Lesen, Schreiben, Rechnen) auf die verschiedenen Lebensbereiche:

  • Ökonomischer Wohlstand
  • Aufstiegsbestrebungen/ Motivation
  • Familienleben
  • Gesundheit
  • Zivilbürgerliches Engagement

Der Bereich Kriminalität wird derzeit noch untersucht.

 Die wichtigsten Ergebnisse:

Ökonomischer Wohlstand:

Geringe schriftsprachliche Kompetenz geht einher mit sehr großer Wahrscheinlichkeit arbeitslos zu sein oder zu werden:

22% der Männer und 30% der Frauen unterhalb des Eingangslevel 2 leben in Arbeitslosen-Haushalten.

Auch wenn Arbeit in sehr jungen Jahren gefunden werden konnte, tritt bei niedrigem Literalitätslevel Arbeitslosigkeit wieder im Alter von ca. 23 Jahren ein.

Geringer Alphabetisierungsgrad heißt also:

  • eher arbeitslos
  • eher geringes Lohnniveau
  • weniger Chancen auf Beförderung
  • geringe berufliche Aufstiegsbestrebungen.

Aufgrund unserer Erfahrungen aus den Alphabetisierungskursen können wir den Zusammenhang zwischen fehlender Förderung als Folge von Armut und Armut als Folge von geringer Förderung und damit geringeren Lebenschancen voll und ganz bestätigen.

Für die Kinder zieht sich damit ein roter Faden an Diskriminierungs- und Schamgefühlen durch die ganze Lebenszeit hindurch.

Germain:

Was hat meine Mutter rumgezetert in den ganzen Jahren, weil sie mir alle drei Jahre neue Schuhe kaufen musste. 'Begreifst du eigentlich, was du mich kostest? Wenn das so weitergeht, schicke ich dich barfuß in die Schule. Barfuß, du wirst schon sehen!'(S.101)

...

Und dann platzen sie eines schönen Morgens auf, entweder über dem großen Zeh oder unten an der Sohle oder gleich eine ganze Seitennaht lang.

Meine Mutter brüllte dann immer...Schuhe, die man gerade neu gekauft hätte! Ich würde das doch mit Absicht machen! Ich wäre nur auf der Welt, um ihr Ärger zu machen und sonst gar nichts.  (S. 101/ 102)

"Das und auch die viel zu kurzen Hosen, die mir nicht mehr über die Knöchel reichten, und die Freunde, die sich über mich lustig machten:" He Chazes! Hast du Hochwasser?"(S. 103)

"Lächerlichkeit tötet. Auf ganz kleiner Flamme." (S. 104)

Aufstiegbestrebungen/ Motivation:

Wie in der World Vision Studie zeigt sich, dass Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern eher ein negativ-skeptisches Verhältnis zu Schule und Lernen haben.

Wer in der Schule Lernen nicht mochte, entwickelt Antipathie gegen das Lernen schlechthin und beteiligt sich auch später als Erwachsener eher nicht an Weiterbildung.

Geringer Literalitätsgrad geht einher mit mangelnder oder gänzlich fehlender Motivation zu Qualifizierung und beruflichem Aufstieg.

Eltern mit geringen Kompetenzleveln im Schriftsprachlichen und Rechnen erwarten von ihren Kindern, dass sie frühstmöglich die Schule verlassen, was sich exakt widerspiegelt in den untersuchten 16-Jährigen, die so schnell wie möglich die Schule verlassen wollen. Bildung und Lernen sind entweder bedeutungslos, in jedem Fall aber negativ besetzt.

Germain:

"Mein Lehrer Monsieur Bayle... jagte mir eine Heidenangst ein. An manchen Tagen hätte ich mir in die Hose machen können, wenn er mich nur anschaute. Allein schon, wie er meinen Namen aussprach... Ich wusste, dass er mich nicht mochte. Er hatte sicher seine Gründe dafür. Für einen Lehrer ist ein beschränkter Schüler ganz schön nervig, das kann ich verstehen, Deshalb rief er mich jeden Tag an die Tafel, um sich abzureagieren. Ich sollte das Gelernte wiederholen. Und das vor den ganzen Schleimern, die sich mit den Ellenbogen anstießen und mich hinter vorgehaltener Hand auslachten, und vor den Nieten, die sich darüber freuten, dass ich noch schlechter war als sie.....

...ich hätte sterben mögen. Oder ihn umbringen, das wäre besser gewesen. Ihn mit meinen Riesenlatschen zertreten wie die mit Kreide vollgefressene Kakerlake, die er war. Abends, wenn ich im Bett lag, dachte ich an meine Mordgelüste, und das war der einzige Moment des Tages, wo ich mich gut fühlte." (S. 42/ 43)

"Als ich größer wurde, habe ich angefangen, immer öfter zu schwänzen. Wenn Bayle mich fragte, wo ich gewesen war, log ich das Blaue vom Himmel runter, meine Mutter wäre krank und ich hätte für sie einkaufen müssen, ich hätte meine Großmutter verloren, mir beim Rennen den Knöchel verstaucht, ich wäre von einem tollwütigen Hund gebissen worden und hätte zum Doktor gemusst....

Bayle war sowieso heilfroh, wenn ich fehlte. So brachte ich wenigstens keine Unruhe in die Klasse...Wie auch immer, am Ende der Grundschulzeit war ich öfter beim Angeln als in der Schule. Und so kam es auch, dass man mich später in der Armee als „Analphabet" eingeordnet hat, ein Wort, das höflich ausdrückt, was man über mich dachte, nämlich, dass ich doof war." (S. 46)

Familienleben:

Personen mit geringem Literalitätslevel leben eher allein und ohne Kinder. Isolation und geringer Kontakt sind die Folge.

Junge Frauen mit geringem Level tendieren zwar dazu, sehr früh zu heiraten und früh mehr als 3 oder 4 Kinder zu bekommen, aber Ehescheidungen kommen sehr viel häufiger vor als bei Personen mit hohem Literalitätslevel.

Leben in beengten Wohnverhältnissen und ohne Zugang zu technologischer Ausstattung steht in engem Zusammenhang zu geringer Qualifikation.

Und bei einem niedrigen Level sind eher beide Partner arbeitslos. Welche Belastungen damit verbunden sind, hat die World Vision Studie eindrucksvoll gezeigt.

Gerade in solchen Familien fühlen sich die Kinder wenig wertgeschätzt und eher allein gelassen.

Germain:

„Ich meine, klar. Ich habe eine Mutter, geht ja nicht anders. Aber abgesehen davon, dass ich neun Monate lang in ihr drin war, haben wir nie viel geteilt, nur schlechte Zeiten. An Schönes kann ich mich nicht erinnern. Ich habe auch einen Vater, gezwungenermaßen. Aber ich habe nicht lange was von ihm gehabt, er hat meine Mutter gevögelt, und das war´s." (S.8)

„Mein Problem ist, dass ich nirgendwo herkomme. Natürlich bin ich aus einem Paar Eiern hervorgegangen, geht ja nicht anders. Und aus der Muschi einer Frau, wie jedermann hier auf Erden. Nur war bei mir, kaum dass ich auf der Welt war, schon alles Gute aus und vorbei... Ich musste alles allein rausfinden.  Und was die Sprache angeht, ist es dasselbe, die habe ich vor allem auf Baustellen und in Kneipen gelernt, deshalb drücke ich mich schlecht aus - mit groben Wörtern, die die Dinge beschmutzen - und nicht immer in der richtigen Reihenfolge, wie es die gebildeten Leute tun: klein a, klein b, klein c. (S.39)

„Literacy changes Lifes" zeigt genauso wie die World Vision Kinder-Studie:

Die Menschen, die am ehesten Bildung bräuchten, um ihr Leben verbessern und erleichtern zu können, die am ehesten ihre Kinder unterstützen müssten und die am ehesten Wohnraum für viele Kinder nötig hätten, haben gerade dies alles nicht.

Gesundheit:

Im Gesundheitsbereich zeigen sich ebenfalls gravierende Zusammenhänge.

Frauen mit geringem Literalitätslevel haben häufiger Langzeiterkrankungen.

Es gibt enge Korrelationen  zwischen niedrigem Schriftsprach-Level und starkem Übergewicht sowie gesundheitsriskantem Verhalten wie Rauchen und Trinken. Die Wahrscheinlichkeit, depressiv zu werden, ist bei Frauen mit niedrigem Level 5mal größer als bei Frauen mit guter Grundbildung.

Kleiner Exkurs:

In den Niederlanden wurde ebenfalls eine sehr interessante Studie durchgeführt:

 „Das stille Vermögen, eine Untersuchung über die gesellschaftlichen Kosten unzureichender Schriftsprachkompetenzen" .

Geforscht wurde im Auftrag der Stiftung Lesen&Schreiben an der Fakultät für Ökonomische Wissenschaften und Ökonometrie an der Universität Amsterdam.

Die beiden Forscher Wim Groot und Henriette Maassen van den Brink haben nachgewiesen, dass ein geringes Schriftsprachniveau nicht nur zu geminderter Produktivität und geringerem finanziellem Wachstum in einer Gesellschaft führt.

Eine externe Folge ist darüber hinaus ein schlechterer Gesundheitsstatus in der Gesellschaft (und denken Sie bitte bei Gesellschaft immer auch an die Kommune oder den Sozialraum).

In der Amsterdamer Studie wurden 22 verschiedene Krankheiten mit verschiedenen Kompetenzleveln im Lesen in Beziehung gesetzt.

Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes kommen unter den schriftsprachlich gering Qualifizierten wesentlich häufiger vor als bei höher qualifizierten. Die  Auftretenshäufigkeit eines Herzinfarktes bei Männern mit niedrigem Leselevel ist sechsmal höher als bei Männern mit höchstem Leselevel. 

Auch psychische Probleme kommen bei Personengruppen des niedrigen Leselevels wesentlich häufiger vor.

Insgesamt wurde festgestellt, dass niedrige Schriftsprachkompetenz statistisch signifikant verbunden ist mit dem häufigeren Auftreten von Asthma, chronischer Bronchitis, Krebs, Herzinfarkt, Herzgefäß-Erkrankungen, Gefäßverengung, Schlaganfall, Erkrankungen von Nieren, Galle und Leber, Gelenkerkrankungen, Diabetes, Rücken- und Armbeschwerden, Migräne, Epilepsie und psychischen Problemen. In Folge dieser Erkrankungen wiederum verschlechtert sich in der Regel auch der allgemeine Gesundheitszustand.

In der Amsterdamer Studie zeigt sich, dass ein hohes schriftsprachliches Kompetenz-Niveau grundsätzlich einhergeht mit einem besseren  Gesundheitsstatus. Förderung von Schriftsprachlichkeit hätte somit einen direkten positiven Effekt auf das geringere Auftreten von Krankheiten einerseits und auf einen allgemeinen guten Gesundheitszustand im Sinne verbesserter Lebensqualität andererseits.

Bezogen auf Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe, Krankheitsstatus und Kriminalität könnten in den Niederlanden insgesamt 537 Millionen Euro pro Jahr an Bruttosozialprodukt hinzu gewonnen werden, wenn in die Verbesserung schriftsprachlicher Kompetenzen, in frühkindliche und lebensbegleitende Förderung von Grundbildung investiert würde.

Kehren wir abschließend zu „Literacy changes Lifes" zurück.

Zivilbürgerliches Engagement

Personen mit geringem Lit.Level berichten sehr viel häufiger, sich absolut gar nicht für Politik zu interessieren. 42% macht dies bei den Männern aus und 50% bei den Frauen. Dies drückt sich auch in geringer bis gar keiner Beteiligung an Wahlen aus.

45% der Männer und 47% der Frauen mit niedrigem Lit.Level begegnen den Menschen in ihrem sozialen Umfeld  voller Misstrauen.

Und Menschen mit geringem Level sind viermal seltener Mitglieder in Organisationen/ Vereinen. Sie nehmen nicht aktiv am Leben ihrer Kommune teil.

Fehlende Förderung in Kindheit, Jugend und Erwachsenenzeit führt offensichtlich dazu, dass Menschen nicht mehr teilhaben an der Gesellschaft und dass die Gesellschaft nicht mehr auf diese Menschen zählen kann.

Umgekehrt weist die Studie ein positives Resumée nach:

Bereits eine geringe Steigerung des Literalitätslevels, ein leichtes Anheben der Grundbildungskompetenz also, führt zu erheblichen Verbesserungen in allen benannten Lebensbereichen.

So weist die Studie z.B. nach, dass bereits eine geringfügige Steigerung von Literacy  signifikante positive Auswirkungen auf Beschäftigung und Lohnhöhe hat. Die Wahrscheinlichkeit, vom Wohlfahrtssystem abhängig sein zu müssen, sinkt von 19% auf 6%.

Zusammenfassend kann gesagt werden:

Literalisierte Individuen leisten ihren Beitrag zu literalisierten Familien.

Dabei kommt den  Müttern eine ganz besonders wichtige Rolle zu, denn noch immer übernehmen 77% der Mütter in Deutschland die Hauptarbeit in Familie und Haushalt.

(Vorwerk Familienstudie 2009)

Literalisierte Familien leisten wiederum einen Beitra zu literalisierten Kommunen, die einen Beitrag leisten zu einer literalisierten Nation. Davon würden alle profitieren.

Kommen wir noch einmal auf das Trägheitsgesetz zurück.

Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen Bewegung sofern er nicht durch von außen einwirkende Kräfte  zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.

Äußere Kräfte aber, das sind wir, meine Damen und Herren, das sind Sie als Pädagogen, Sie als politische Entscheidungsträger.

Nur durch Bündelung von Wissen, von Verantwortlichkeit und von Aktivitäten - und zwar ministeriumsübergreifend-  können die Erkenntnisse aus Ihrer Praxis und aus der Wissenschaft so umgesetzt werden, dass endlich notwendige Veränderungen auch tatsächlich realisiert werden.

Im Nachbarland Frankreich wurde das Zusammenwirken der Netzpunkte des funktionalen Analphabetismus landesweit und ressortübergreifend erkannt. Dort wurde per Erlass im Oktober 2000 eine Nationale Agentur zur Bekämpfung des funktionalen Analphabetismus gegründet (Agence National de Lutte contre l´ Illetrisme, ANLCI ).

Der Verwaltungsrat von ANLCI setzt sich u.a. zusammen aus Vertretern folgender Ministerien: Arbeitsministerium, Justizministerium, Bildungsministerium, Verteidigungsministerium, Ministerium für Kultur und Kommunikation, Ministerium für Landwirtschaft und Fischerei, Ministerium für Jugend und Sport. Die Finanzierung der Nationalagentur erfolgt  Ressort übergreifend.

In Deutschland erschwert der Föderalismus, die Verteilung der Zuständigkeiten auf Bund und Länder und die strikte Trennung von Ressorts eine solch effektive Bündelung von Netzpunkten. Eine Chance, die aber auf lokaler Ebene genutzt werden könnte. 

Ihre Literacy Woche ist ein sehr gutes Beispiel dafür! Damit haben Sie gezeigt, wie wichtig frühe Förderung im Zusammenspiel der verschiedenen Akteure ist.

Germain:

„Und das, verstehen Sie, das macht einen ganz neuen Menschen aus einem." (S.115)

Quellen:

Fotos: Johannes Hardenacke (Pressesprecher Regierung Unterfranken)

Dugdale, G. and Clark, C. (2008): Literacy Changes Lives: An advocacy resource. London: National Literacy Trust

Groot, W./ Maassen van den Brink, H. (2006): Stil vermogen, een onderzoek naar de maatschappelijke kosten van laaggeletterdheid. Amsterdam: Stichting Lezen en Schrijven
ISBN 90-78261-02-1

Hurrelmann, K./ Andresen, S. (2007): Kinder in Deutschland 2007. 1. World Vision Kinderstudie. Frankfurt/ a. M.: World Vision

Roger, M.-S. (2010): Das Labyrinth der Wörter. Roman. Hamburg

Vorwerk&Co.KG, Hg. (2009): Familienstudie 2009. Institut für Demoskopie Allensbach. Wuppertal

http://www.vorwerk.com/de/html/publikationen.html

 

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H. Bauer